Samhain – Die Magie der Dunkelheit, des Loslassens und Neubeginns

In meinem Artikel „Die Schwelle vom Herbst – zwischen Ernten und Loslassen“ bin ich bereits ein wenig auf die besondere Qualität des Herbstes eingegangen. Dabei habe ich den Blick auf das gerichtet, was wir in der Natur beobachten können und welche Inspiration wir daraus für unser eigenes Leben mitnehmen können.

Damals, in der ersten Septemberhälfte, war die Natur noch recht üppig. An vielen Stellen konnten wir Früchte ernten, die Tagundnachtgleiche stand bevor und die Fülle des Sommers war noch deutlich spürbar. Es ging vor allem ums Ernten, verbunden mit der Aussicht auf das Loslassen.

Jetzt, einige Wochen später, hat sich das Bild verändert. Die Zeit des Erntens ist weitgehend vorbei und das Loslassen rückt in den Vordergrund. Heute ist der erste November und damit Samhain. Es ist bereits Abend, draußen ist es dunkel und die Atmosphäre fühlt sich passend an, um diesen Artikel zu schreiben.

Aber vielleicht sollten wir zunächst damit anfangen: Was ist Samhain eigentlich? Wofür steht dieses Jahreskreisfest und welche Qualitäten können wir daraus für uns mitnehmen?

Was ist Samhain?

Samhain (ausgesprochen ungefähr „Sow-in“) ist ein traditionelles keltisches Fest, das insbesondere in Irland und Schottland eine wichtige Rolle spielte. Es markiert den Übergang vom Sommer in die dunkle Jahreshälfte und wurde traditionell in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November gefeiert.

Der Name geht auf das altirische Wort Samain zurück. Die genaue sprachliche Herkunft ist nicht abschließend geklärt. Symbolisch wird Samhain häufig mit dem Ende des Sommers, dem Rückzug des Lichts und dem Beginn einer neuen Zeit verbunden.

In der keltischen Tradition galt Samhain als bedeutender Schwellenmoment im Jahreskreis. In der mittelalterlichen irischen Überlieferung spielte es auch als Beginn eines neuen Jahres eine Rolle. Es ist also nicht einfach nur ein Erntefest, sondern vielmehr ein Übergang: vom Alten ins Neue, von der Fülle in die Ruhe, vom äußeren Geschehen in die Innenschau.

Ein Neubeginn bedeutet dabei nicht zwangsläufig, dass wir sofort etwas Neues erschaffen müssen. Manchmal braucht es zunächst das Integrieren dessen, was war, und das Loslassen dessen, was wir nicht länger mitnehmen möchten.

Die Vergänglichkeit ist für viele von uns ein unbequemes Thema. Wir halten gerne an Dingen, Menschen, Vorstellungen und Lebensphasen fest. Gleichzeitig kann uns die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit dabei helfen, unseren Blick auf das zu richten, was wirklich wichtig ist.

Mit Samhain werden insbesondere folgende Themen verbunden:

  1. Erinnerung, Verbindung und Würdigung der Ahnen
  2. Loslassen und Abschiednehmen
  3. Einkehr, Innenschau und Schattenthemen
  4. Tod, Vergänglichkeit und Wiedergeburt

Schauen wir uns diese Qualitäten einmal genauer an.

Die Natur zieht sich zurück – eine Einladung zur Einkehr

Die Natur macht es uns vor: Die Bäume werfen ihre Blätter ab und bereiten sich auf die Winterruhe vor. Viele Pflanzen sind verblüht, Tiere legen Vorräte an oder machen sich bereit für den Winterschlaf. Zahlreiche Zugvögel haben bereits Abschied genommen und sind auf ihrer Reise in den Süden.

Eine Woche nach der Zeitumstellung ist die Dunkelheit kaum zu übersehen. Die Tage fühlen sich deutlich kürzer an, morgens ist es häufig kalt, neblig und mystisch. Die Natur verändert ihr Erscheinungsbild und zieht ihre Energie zunehmend zurück.

Nach der Zeit der Fülle und des Wachstums beginnt eine Phase der Ruhe. Die Natur scheint sich zurückzunehmen, doch unter der Oberfläche geschieht weiterhin etwas. Viele Bäume haben Nährstoffe aus ihren Blättern zurückgewonnen und in ihren Wurzeln und anderen Speicherorganen eingelagert. Samen ruhen in der Erde und vieles bereitet sich bereits auf den nächsten Wachstumszyklus vor.

Auch wenn wir es den Tieren nicht gleichtun und uns bis zum Frühling im Bett verkriechen können, dürfen wir uns von diesem natürlichen Rhythmus inspirieren lassen.

Vielleicht müssen auch wir nicht das ganze Jahr über produktiv sein, wachsen, leisten und Neues hervorbringen. Vielleicht dürfen wir uns gerade jetzt etwas mehr Ruhe gönnen, unsere Aufmerksamkeit nach innen richten und uns fragen, was wir wirklich brauchen.

Die dunkle Jahreszeit lädt uns dazu ein, langsamer zu werden. Nicht als Stillstand, sondern als bewusste Phase der Regeneration und Neuorientierung.

Ahnen, Erinnerung und Verbindung

Samhain ist eng mit dem Gedenken an die Verstorbenen und der Verbindung zu den Ahnen verknüpft.

In der keltischen Überlieferung galt diese Zeit als eine besondere Schwelle zwischen der Welt der Lebenden und der Anderswelt. Der Vorstellung nach konnten die Grenzen zwischen den Welten in dieser Nacht durchlässiger werden. Auch heute wird Samhain in vielen naturspirituellen Traditionen genutzt, um sich an verstorbene Menschen zu erinnern und die eigene Ahnenlinie zu würdigen.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 2013 in Spanien war und gemeinsam mit meiner Gastfamilie und einer mexikanischen Mitbewohnerin den „Día de los Muertos“, den mexikanischen Tag der Toten, gefeiert habe. Zunächst graute es mir ein wenig davor, da erst einen Monat zuvor mein geliebter Kater gestorben war. Ich hatte befürchtet, dass die Beschäftigung mit den Verstorbenen meine Trauer noch verstärken würde.

Doch der Abend verlief ganz anders, als ich erwartet hatte: Er war fröhlich und ausgelassen und keineswegs von einer drückenden Stimmung geprägt. Wir schmückten einen Altar mit Fotos, Essen und jeder Menge bunter Dekoration. Es war eine schöne Erfahrung, die mir gezeigt hat, dass das Erinnern an Verstorbene nicht nur mit Trauer verbunden sein muss, sondern auch mit Liebe, Dankbarkeit und Lebensfreude.

Der Día de los Muertos ist eine eigenständige mexikanische Tradition und nicht mit Samhain gleichzusetzen. Dennoch gibt es eine schöne thematische Verbindung: Beide laden dazu ein, sich mit den Verstorbenen und der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen.

Es muss aber nicht zwangsläufig um eine spirituelle oder mystische Erfahrung gehen. Wir können diese Zeit auch ganz bodenständig nutzen, um uns mit unserer Herkunft und unserer Geschichte auseinanderzusetzen.

Welche Menschen haben uns geprägt? Was haben wir von ihnen gelernt? Welche Werte und Erfahrungen wurden über Generationen weitergegeben? Und was davon möchten wir bewahren, vielleicht sogar bewusst weiterentwickeln?

Die Beschäftigung mit unseren Wurzeln kann uns ein Gefühl von Zugehörigkeit und Verbundenheit vermitteln. Gleichzeitig dürfen wir auch erkennen, dass nicht alles, was wir übernommen haben, weiterhin zu uns passen muss.

Wir können würdigen, was war, und trotzdem unseren eigenen Weg gehen.

Loslassen und Abschiednehmen

Der Herbst zeigt uns besonders deutlich, dass Vergänglichkeit ein natürlicher Bestandteil des Lebens ist.

Blätter fallen, Pflanzen verwelken, Früchte vergehen. Was im Sommer noch in voller Pracht stand, zieht sich nun zurück. Die Natur hält nicht krampfhaft an ihrer Fülle fest. Sie lässt los und macht damit Platz für einen neuen Zyklus.

Auch in unserem Leben gibt es immer wieder Phasen, in denen etwas zu Ende geht. Beziehungen verändern sich oder gehen auseinander, berufliche Wege schließen sich, Lebensabschnitte enden und Vorstellungen, die wir lange mit uns getragen haben, verlieren ihre Bedeutung.

Nicht immer fällt uns das leicht. Manchmal halten wir an Dingen fest, obwohl wir längst spüren, dass sie nicht mehr zu uns gehören. Vielleicht aus Gewohnheit, aus Angst vor dem Unbekannten oder weil wir noch nicht bereit sind, Abschied zu nehmen. Ich beobachte bei mir selbst auch immer wieder, dass mir das Loslassen schwerfällt.

Samhain kann uns dazu einladen, genauer hinzuschauen:

  • Was ist in meinem Leben zu Ende gegangen?
  • Woran halte ich noch fest, obwohl es mir nicht mehr guttut?
  • Welche Erwartungen oder Vorstellungen darf ich loslassen?
  • Was möchte ich würdigen, bevor ich es verabschiede?

Loslassen bedeutet dabei nicht, etwas abzuwerten oder zu vergessen. Es bedeutet vielmehr, anzuerkennen, dass etwas seinen Platz in unserem Leben hatte und dieser Platz sich nun verändern darf.

Dunkelheit und Schattenthemen – der Blick nach innen

Mit Samhain beginnt die dunkle Jahreshälfte. Während wir im Sommer viel draußen sind, das Licht genießen und uns dem Leben im Außen zuwenden, verändert sich unser Rhythmus jetzt ein bisschen.

Die Dunkelheit kann dabei auch sinnbildlich für die Bereiche stehen, die wir im Alltag lieber nicht so gerne sehen wollen: unsere Ängste, Unsicherheiten, ungeliebten Eigenschaften oder verdrängten Gefühle.

In der Psychologie wird hierfür häufig der Begriff Schattenarbeit verwendet. Dabei geht es darum, sich mit den eigenen unbewussten oder abgelehnten Anteilen auseinanderzusetzen und sie besser kennenzulernen.

Das bedeutet nicht, dass wir alles an uns gutheißen oder verändern müssen. Vielmehr geht es darum, auch den Seiten Aufmerksamkeit zu schenken, die wir vielleicht lieber verstecken würden.

Was macht mir Angst? Wo verurteile ich mich selbst? Welche Bedürfnisse übergehe ich? Und welche Anteile von mir bekommen im Alltag zu wenig Raum?

Die Dunkelheit muss dabei nicht ausschließlich etwas Bedrohliches sein. Sie kann auch Schutzraum, Rückzug und Geborgenheit bedeuten. So wie ein Samen in der Erde verborgen liegt, bevor er zu keimen beginnt, können auch in uns Dinge reifen, die noch nicht bereit sind, sichtbar zu werden.

Vielleicht ist gerade jetzt eine gute Zeit, um uns selbst mit etwas mehr Neugier und Mitgefühl zu begegnen.

Vergänglichkeit und Wiedergeburt – Raum für Neues schaffen

Tod und Wiedergeburt gehören zu den zentralen symbolischen Themen von Samhain.

Das Wort Tod löst bei vielen Menschen zunächst Unbehagen aus. Dabei begegnet uns das Prinzip von Werden und Vergehen überall in der Natur. Ein Lebenszyklus endet, damit ein anderer beginnen kann.

Die Bäume verlieren ihre Blätter, die Pflanzen ziehen sich zurück und vieles scheint auf den ersten Blick stillzustehen. Doch diese Ruhe ist kein endgültiges Ende. Sie ist Teil eines größeren Kreislaufs.

Auch in unserem Leben können wir dieses Prinzip wiederfinden. Manchmal müssen wir uns von einer alten Vorstellung verabschieden, damit eine neue entstehen kann. Manchmal braucht es einen bewussten Abschluss, bevor wir uns auf etwas anderes einlassen können.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit kann uns außerdem daran erinnern, dass unsere Zeit begrenzt ist. Das klingt zunächst vielleicht schwer, kann aber auch etwas Befreiendes haben.

Wenn wir uns bewusst machen, dass nicht alles unbegrenzt verfügbar ist, verändert sich möglicherweise unser Blick auf das Leben.

Womit möchte ich meine Zeit verbringen? Welche Menschen sind mir wichtig? Was möchte ich erleben, gestalten oder in die Welt bringen? Und was schiebe ich vielleicht schon viel zu lange auf?

Samhain kann ein guter Moment sein, um innezuhalten und sich auf die eigenen Werte zu besinnen.

Samhain im eigenen Leben erfahren

Wir müssen keine bestimmten Rituale durchführen oder uns an feste Regeln halten, um die Qualitäten von Samhain für uns zu entdecken. Oft reicht es schon, bewusst wahrzunehmen, was sich in der Natur und in uns selbst verändert.

Vielleicht möchtest du einen Spaziergang durch den herbstlichen Wald machen und beobachten, was sich bereits zurückgezogen hat. Welche Farben, Geräusche und Gerüche nimmst du wahr? Was wirkt vergänglich und was bleibt bestehen?

Du könntest auch einen kleinen Ort für dich gestalten, an dem du eine Kerze anzündest, Erinnerungsstücke platzierst oder einfach einen Moment der Stille genießt. Ich denke dabei auch gerne an den Altar zurück, den wir damals beim Día de los Muertos mit Fotos, Essen und jeder Menge bunter Dekoration geschmückt haben.

Oder du nimmst dir etwas Zeit für kreatives Gestalten: Schreibe auf, was du loslassen möchtest, male ein Bild zu deiner aktuellen Lebensphase oder sammle Naturmaterialien, die für dich die Stimmung dieser Jahreszeit ausdrücken.

Ein paar Fragen, die dich dabei begleiten können:

  • Was möchte ich aus dem vergangenen Jahr würdigen?
  • Was darf nun zu Ende gehen?
  • Welche Erfahrungen möchte ich integrieren?
  • Welche Werte sind mir wirklich wichtig?
  • Was braucht gerade mehr Aufmerksamkeit in meinem Leben?
  • Was darf in mir noch im Verborgenen reifen?

Du musst nicht auf alle Fragen eine Antwort finden. Manchmal ist es schon wertvoll, sie einfach mit in die Natur zu nehmen und zu beobachten, welche Gedanken und Gefühle dabei auftauchen.

Ich selbst habe dieses Jahr wieder ein kreatives Ritual aufgegriffen vorgenommen. Dazu habe ich reife Schopftintlinge gesammelt, die Tinte in einem Glas aufgefangen, um damit zu malen. Die dunkle Farbe passt wunderbar zu den längeren Nächten und hat für mich etwas Ursprüngliches. Ich mag den Gedanken, ein Naturmaterial auf diese Weise kreativ zu nutzen und die besondere Stimmung dieser Jahreszeit in einem Bild auszudrücken.

Ein Übergang, der uns an das Wesentliche erinnert

Samhain erinnert uns daran, dass das Leben aus Zyklen besteht. Es gibt Zeiten des Wachstums, der Fülle und des Aufblühens, aber genauso Zeiten des Rückzugs, des Abschieds und der Ruhe.

Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige Botschaft dieser Jahreszeit: Wir müssen nicht immer weiterwachsen und etwas hervorbringen. Wir dürfen auch innehalten, zurückblicken, würdigen und loslassen.

Die Natur zeigt uns, dass selbst in den scheinbar stillsten Phasen etwas geschieht. Nicht alles, was sich zurückzieht, ist verloren. Nicht alles, was endet, ist umsonst gewesen. Und nicht alles, was noch verborgen ist, muss schon sichtbar werden.

Ich möchte die Qualität von Samhain deshalb vor allem als Einladung verstehen: innezuhalten, mich mit meinen Wurzeln zu verbinden, Vergangenes zu würdigen und bewusst Raum für das zu schaffen, was kommen darf.

Ich ehre, was war. Ich lasse los, was gehen darf. Und ich vertraue darauf, dass auch in der Dunkelheit Neues entstehen kann.

Und noch etwas ist mir wichtig: Bitte verstehe die Impulse und Ideen in diesem Artikel nicht als weitere To-dos, die du nun auch noch erledigen solltest. Vielleicht spricht dich eine Frage an, vielleicht hast du Lust auf einen Spaziergang oder ein bisschen kreatives Ausprobieren. Vielleicht möchtest du aber auch einfach nur die Gedanken auf dich wirken lassen. Nimm dir das mit, was sich für dich stimmig anfühlt, und lass den Rest einfach da.

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About Johanna

Auf meinem Blogblog Kreative Lebenskraft schreibe ich über den kreativen Weg zurück zu mir selbst sowie über meine Erfahrung mit Karrierewechsel und Neuorientierungen, aber auch über verschiedene Experimente und Themen die mich besonders interessieren wie zum Beispiel ganzheitliche Gesundheit und Lebenskunst, Naturkosmetik, Fotografie und einige mehr.
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