Im ersten Teil habe ich mich in die Zeit zurückversetzt, als ich in der Coronazeit angefangen habe, wieder Zugang zu meiner Kreativität zu finden und an einem kleinen Tisch mit Blick in den Garten saß, um mit Heißwachs zu malen. Dann veränderte sich die Situation und ich zog für meinen letzten Job nach Hamburg. Es war Winter 2020/2021 und ich war mit dem Vollzeitjob deutlich ausgelasteter und hatte deutlich weniger Raum zur kreativen Entfaltung. Mein kleines Enkaustikbügeleisen war zwar mit mir nach Hamburg gereist und ich malte auch ab und an damit, aber es wurde weniger. Ich verbrachte die ersten beiden Jahre im neuen Job viel mit Arbeiten und Afterworks im Büro, in Bars oder Restaurants. Da war dann nicht allzu viel Zeit für neue kreative Experimente. Kreativität war zu dem Zeitpunkt noch nichts mit dem man mich in Verbindung gebracht hätte.
Ich kam wieder mehr zum Experimentieren als ich auf der Suche nach Ausgleich und Balance bei einem kunsttherapeutischen Gruppenabend gelandet bin. Es war eine kleine Gruppe und eine farbenfrohe und gemütliche Atmosphäre. Die Kunsttherapeutin hatte viele unterschiedliche Malmedien und Projekteideen vorbereitet. Einige davon kannte ich noch gar nicht, manche nur vom Hören und so testete ich unter anderem auch Alkoholtinte. Ich hatte schon mal über Freundinnen davon gehört und freute mich es endlich auch mal ausprobieren zu können. Man könnte sagen, dass ich sofort angefixt war. Ähnlich wie bei der Enkaustik gefiel mir der hier sogar noch stärkere abstrakte Charakter.
Was Farben über Verbindung erzählen

Ich tropfte die verschiedenen Alkoholtinten aufs Blatt und schaute ihnen dabei zu wie sie sich ausbreiteten. Ich beobachtete, dass bestimmte Farben leichter miteinander zusammenfanden und in Verbindung gingen als andere. Irgendwie musste ich dabei unwillkürlich an zwischenmenschliche Verbindung denken. Mit manchen Menschen fällt es mir leicht ins Gespräch zu kommen und es läuft wie von selbst, während es sich mit anderen holprig anfühlt. Vielleicht ging es den Farben ähnlich. Es hatte etwas beruhigendes und ich durfte auch konkrete Vorstellungen loslassen, denn die Alkoholtinten hatten ihre eigenen Pläne. Es gab auch Effektfarben mit Glitzer die ich auch sehr gerne mit reinmischte sowie eine Sprühflasche mit Alkohol die dazu da war kleine Blasen als Effekt auf das Bild zu sprühen. Ich nutzte aber auch kleine Pipetten um die Blasen gezielt auf dem Bild zu platzieren. Ich kaufte mir transparente und pastellfarbene Alkoholtintensets sowie Glitzerfarben und setzte mich auch nach dem Feierabend öfters hin und kreierte kleine Alkoholtintenkunstwerke. Da die Karten tendenziell klein und das Ganze nicht so zeitaufwendig waren, war es etwas das ich gut nach dem Abendessen unterbringen konnte. Mit Alkoholtinten begleitete ich auch privat ein paar Menschen durch kreative Prozesse – aber dazu an anderer Stelle mehr.




Was Pigmente über Leichtigkeit und Widerstand erzählen
Bei einer anderen Gruppensession lernte ich Pigmente kennen und das Mischen von Farben mithilfe von einem Bindemittel aus Gummi Arabicum. Auch hier war ich – wenig überraschend – schnell begeistert und malte nach der Asienreise von Teil 1 die erste kleine Leinwand aus bunten Farben, die ich selbst angerührt hatte. Auch hier machte ich eine kuriose Beobachtung. Manche Farbpigmente konnte ich mit dem Gummi Arabicum leicht zu einer flüssigen Paste anrühren und bei anderen musste ich mit ein paar Tropfen Alkohol nachhelfen.


Natürlich muss man nicht alles interpretieren. Aber auch hier musste ich an einen Bezug zum Leben denken. Manches geht uns leicht von der Hand und bei anderen Dingen müssen wir uns mehr anstrengen, um zu einem bestimmten Ergebnis zu kommen. So fiel es mir früher in der Schule zum Beispiel von Anfang an leicht Sprachen zu lernen – egal ob es sich um gesprochene Sprachen oder Programmiersprachen handelte. Bei Physik tat ich mir vergleichsweise schwerer einen Zugang zu finden, gab es dann auch irgendwann auf und entschied mich dazu mich auf andere Fächer zu konzentrieren. Bei einem Artikel über Kreativität erwartest du jetzt vielleicht, dass ich schreibe, dass mir Kunst auch immer leichtgefallen ist. Aber wie ich im ersten Teil kurz geschrieben habe, war das nicht so. Mit einigen Aufgaben, die wir im Kunstunterricht machen mussten, konnte ich eher wenig anfangen. Ich mochte es nicht, ein Bild nachmalen zu müssen oder vorgeschrieben zu bekommen, wann ich welche Kunsttheorie lesen soll. Wir hören oft den Satz, dass etwas leicht sein darf. Und ich glaube, dass alle die auch von Burnout betroffen sind, davon profitieren können die Dinge etwas leichter zu nehmen. Eine Frau aus meiner letzten Coachingausbildung hat einen Satz gesagt, den ich cool fand und hier mit einfließen lassen möchte: Welche Kraft hast du, wenn du dich nie anstrengen musst weil alles nur leicht ist?
Muss Kreativität leicht sein? Oder kann gerade das Ringen mit etwas auch eine wichtige Erfahrung sein? Vielleicht muss etwas nicht leichtfallen, damit es wichtig für uns ist.
Vielleicht war es gerade deshalb kein Zufall, dass ich irgendwann neben den Gruppensessions auch die Einzelstunden in Kunsttherapie testete. Denn vieles in meinem Leben fühlte sich zu dieser Zeit eben nicht leicht an, und ich war auf der Suche nach Lösungen und Heilung.
Die Kraft der Stille
Für die Einzelstunden fand ich einen netten Kunsttherapeuten, bei dem ich viel Resonanz im Lebenslauf erkannte und nahm an mehrere Einzelstunden und an Malwochenenden teil. Es gab einen Aspekt der Einzelstunden der neu für mich war und mit dem ich damals noch gar nicht so richtig umgehen konnte. Manchmal saß ich vor einem eingeweichten Blatt und malte nass auf nass, aber manchmal saß ich ihm Gegenüber und da war so eine Stille. In der Situation fragte ich mich, was ich wohl Sinnvolles erzählen sollte, um bestmöglich an meinen Herausforderungen zu arbeiten und die Stille zu füllen. Aber – und das war das, was sich neu anfühlte – darum ging es gar nicht. Es ging nicht darum irgendetwas tun oder erreichen zu müssen.


Heute weiß ich, dass er mir mit den Momenten der Stille Raum geben wollte zum Sein und zum Entfalten meiner Kreativität in meinem eigenen Tempo. Ich war diese Art von Raum nicht gewöhnt in der ich einfach planlos sein durfte, ohne auf irgendetwas hinzuarbeiten. Ich denke, dass es rückblickend nicht schlimm ist, wenn man mit dieser Art von Raum nicht gleich etwas anfangen kann. Ich glaube sogar, dass das mit dem Lernen einfach man selbst sein zu dürfen ein ruhiger langsamer Prozess ist und musste gerade an einen Stein denken auf den Wassertropfen fallen. Tiefe entsteht oft erst über einen Zeitraum von kontinuierlicher Zuwendung. Man sieht bei dem einzelnen Tropfen kein Ergebnis auf dem Stein aber über die Zeit entsteht eine Veränderung.
Bei der Rückkehr zur Kreativität könnte man bei mir sagen, dass es nicht den einzelnen großen Durchbruch gab, sondern viele kontinuierliche Tropfen.