Als Kind habe ich oft die Schafe gemalt, die auf der Weide gegenüber von unserem Haus grasten. Besonders fasziniert haben mich die Zeiten, in denen sie Lämmer hatten. Ich wollte diese kleinen, zarten Wesen irgendwie auf Papier festhalten – ihre Zerbrechlichkeit, ihre Neugier und vielleicht auch das besondere Gefühl, das ich hatte, wenn ich sie beobachtete.
Damals habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, ob ich „gut“ malen kann. Ich habe einfach das gemalt was mich inspiriert oder irgendwie Eindruck hinterlassen hat.
Kreativität fühlte sich für mich frei an. Sie war ein Raum, in dem ich ausprobieren, beobachten und meiner Fantasie folgen konnte. In der Grundschule habe ich eine Zeitlang getöpfert und mit Enkaustik gearbeitet – einer Maltechnik, bei der mit geschmolzenem Wachs auf Papier gemalt wird. Damals wusste ich noch nicht, dass mir genau diese kleine Form des kreativen Ausdrucks viele Jahre später den Weg zurück zu meiner Kreativität weisen würde.

Was passiert mit Kreativität, wenn aus Ausdruck Leistung wird?
Mit der Zeit hatte ich den Eindruck, dass Kunst als Schulfach nicht mehr viel mit dem freien Ausdruck zu tun hatte, den ich als Kind erlebt hatte. Zu viel war vorgegeben, und so waren auch in einem Fach, das sich vorher so frei, entspannt und bunt angefühlt hatte, plötzlich Leistungsdruck und Perfektionismus präsent.
Ich habe von vielen Menschen gehört, dass sie als Kind kritische Kommentare oder Bewertungen zu ihrem kreativen Ausdruck bekommen haben und dadurch unter anderem den Glaubenssatz entwickelt haben, nicht malen zu können oder nicht kreativ zu sein. Mir wurde zwar nicht gesagt, dass ich nicht malen konnte, aber ich sah, dass andere besser zeichneten als ich. Durch die thematischen Vorgaben und Einschränkungen des Unterrichts fühlte ich mich zunehmend eingeengt. Es wurde bewertet, wie gut man eine bestimmte Technik beherrschte oder ein bestimmtes Objekt malen konnte – und das machte mir wenig Spaß. Das ging sogar so weit, dass ich mich in der Oberstufe dazu entschied, Kunst abzuwählen. Und damit war es erst einmal für eine Weile vorbei mit meinem Zugang zur Kreativität.
Beim Fotografieren hatte ich nach wie vor ein Auge für interessante Details, aber wieder richtig zu malen begann ich erst im Lockdown im Frühling 2020.
Ich hatte gerade größere Reisen hinter mir: zunächst den portugiesischen Jakobsweg und anschließend ein paar Monate in Asien. Dann zwang mich die Realität dazu, einzusehen, dass die Pandemie eine Ernsthaftigkeit angenommen hatte, die mich dazu brachte, zurückzufliegen und erst einmal eine Weile bei meiner Familie in einem kleinen Dorf auf dem Land in Süddeutschland zu verbringen.
Der Reiseteil meines Sabbaticals war vorüber – zumindest, was das physische Reisen betraf.
Danach folgte eine Art innere Reise. Ich beschäftigte mich mit Persönlichkeitsentwicklung und stellte mir die Frage, wie es wohl weitergehen sollte.

Von der äußeren Reise zur inneren Reise
Irgendwo in diesem Prozess erinnerte ich mich daran, wie viel Freude, Freiheit und Ruhe ich früher gespürt hatte, wenn ich gemalt hatte. Unter anderem auch daran, wie ich als Kind mit dem kleinen Enkaustikbügeleisen gemalt hatte.
Vielleicht war die Kreativität schon früher dabei, zurückzukehren.
Es war sogar noch während der Asienreise, als ich unter anderem vier Wochen in einem Yoga- und Meditationscamp am Rand eines Dschungels im Süden Kambodschas verbrachte. Ich hatte meine Komfortzone in vielen Hinsichten verlassen, schlief in einem Baumhaus und lernte viele Menschen kennen, die von überall auf der Welt kamen. In entspannten Gesprächen hatte ich auch mal den Wunsch ausgesprochen, wieder kreativ zu sein.
In einer Pause zwischen Yogastunden, Meditationen und Dharmatalks malte ich sogar ein Bild, auf dem ich – teils kindlich und teils von der Thailandreise inspiriert – mit Buntstiften eine Insel malte: mit Palmen, Wasser, Sonne und, wenn ich mich richtig erinnere, sogar den typischen kindlichen Vögeln, die an geschwungene „M“s erinnern. Ich nahm das Bild allerdings nicht mit und weiß bis heute nicht, ob es irgendwann weggeschmissen wurde oder vielleicht sogar noch bei irgendjemandem in der Wohnung hängt.
Dann ist in einem weiteren Yogaretreat noch eine kleine Leinwand mit Ölfarbe entstanden. Ich erinnere mich aber noch daran wie ich sehr perfektionistisch war und mich nicht frei und entspannt fühlte beim Malen. Ich malte eine Frau mit halblangen Haaren, die im Gras sitzt und von Schmetterlingen umgeben ist. Nachdem ich das Bild 6 Jahre später betrachte, fiel mir auf, dass ich im Sommer genau diese Haarlänge habe du Schmetterlinge gezüchtet habe.

Eine grüne Box voller kreativer Möglichkeiten
Wieder zurück in Deutschland fiel mir ein, dass das kleine Enkaustikbügeleisen und die dazugehörigen Wachsfarben noch irgendwo im Keller darauf warteten, dass die Zeit reif war, sie wieder auszupacken.
Ich beschloss, dass genau jetzt diese Zeit gekommen war, und ging auf die Suche.
Etwas später wurde ich fündig und hielt die kleine grüne Box wieder in der Hand.
Ich öffnete sie und fand das kleine Bügeleisen, ein paar alte Wachsfarben, deren Geruch nach Bienenwachs mir sofort wieder vertraut war, sowie ein paar Feinstrumpfhosen und spezielle Papiere.
Vielleicht fragst du dich jetzt, was die Feinstrumpfhosen in diesem Kasten zu suchen hatten. Bevor ich dir das verrate, schreibe ich am besten erst einmal kurz darüber, wie man überhaupt mit Enkaustik malt.
Das kleine Bügeleisen wird zunächst erhitzt. Dann kann man die Wachsstifte auf die heiße Bügelfläche auftragen, wo sie sofort schmelzen. Mit dem flüssigen Wachs auf dem Eisen gleitet man anschließend mit unterschiedlichen Techniken und Bewegungen über das Papier und kann so vielseitige Bilder gestalten.
Das Papier ist beschichtet und deutlich fester als normales Druckerpapier. Die Feinstrumpfhosen werden am Ende dazu verwendet, das Bild zu polieren, sobald das Wachs kalt ist.
Ich betrachtete das Zubehör und bekam sofort Lust loszulegen.



Ein kleines Bügeleisen ohne einen konkreten Plan
Ich richtete mir einen Tisch mit Blick auf den Garten ein, von dem aus mein Blick immer wieder zu den Blumen schweifen konnte.
Und so fing es Stück für Stück an.
Ich fand alte Bilder und versuchte zunächst, die Techniken von damals zu wiederholen. Dann begann ich zu experimentieren und Neues auszuprobieren. Ich bestellte weitere Farben, andere Papiersorten, eine kleine Heizplatte und eine Art Enkaustikstift mit verschiedenen Aufsätzen.
Vielleicht hat mir gerade der abstrakte Charakter der Enkaustik den Einstieg erleichtert.
Ich musste kein Haus, keinen Menschen und auch kein Schaf so malen, dass es „richtig“ aussah. Ich konnte das Wachs einfach über das Papier gleiten lassen und beobachten, was entstand. Irgendwie war ich so auch weniger kritisch mit dem, was da vor mir entstanden ist.



Natürlich gibt es auch in mir einen inneren kritischen und perfektionistischen Anteil, der das, was ich tue, fleißig kommentiert. Er hat mich auch schon frustriert, wenn ich versucht habe, etwas Gegenständliches zu malen und es dann nicht so aussah, wie ich es mir erhofft hatte. Das hat dann früher oft dazu geführt, dass ich gar nicht erst wieder angefangen habe.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du würdest gerne malen oder generell kreativer sein, aber da ist diese innere Stimme, die sagt: „Du kannst nicht malen.“
Oder du fragst dich vielleicht, wie du überhaupt anfangen sollst. Oder du hast Angst vor dem leeren Blatt oder der leeren Leinwand vor dir. Ich habe festgestellt, dass das Anfangen oft das Schwierigste ist. Ich habe mir die leeren Blätter vorgestellt und mich gefragt mit was ich sie wohl füllen könnte. Aber wenn ich erstmal dabei bin, geht es inzwischen wie von selbst.
In meinem Fall war es vielleicht gar nicht meine Kreativität, die verschwunden war. Vielleicht hatte ich nur verlernt, ihr zu vertrauen und einen Raum zu schaffen, in dem sie sich entfalten konnte. Ich habe also nicht einfach die Malerei wiederentdeckt. Ich habe einen Zugang zu einer Seite von mir wiedergefunden, die sich früher frei und spielerisch angefühlt hatte. Die Rückkehr zur Kreativität war für mich auch ein Stückweit die Rückkehr zu dem kleinen Mädchen, dass sich einfach hingesetzt und gemalt hat.





Im nächsten Teil geht es um meine Erfahrungen mit Kunsttherapie, die Entdeckung von Alkoholtinte und die ersten kreativen Experimente auf Leinwänden.