Schmetterlingsdoula auf Zeit: Was mir Distelfalter über Transformation gezeigt haben

Schon als Kind war ich von den bunten Faltern im Garten ganz fasziniert und konnte Stunden damit verbringen, sie einzufangen, anzuschauen und wieder freizulassen. Wir hatten mehrere Sommerflieder im Garten und ich weiß noch, dass sie immer voll waren mit Schmetterlingen. Kohlweißling, Fuchs, Admiral, Tagpfauenauge, Zitronenfalter und sogar einmal ein Schwalbenschwanz. Ich war begeistert von den bunten Farben und von der Leichtigkeit, mit der sie durch den Garten flogen. Aber wie ich bereits in meinem Artikel über Naturverbindung beschrieben habe, ging es mir wie vielen anderen auch so, dass die Verbindung zur Natur zwischendurch, besonders in der Jugend und zum Anfang des Erwachsenenlebens, etwas verloren ging.

Vor einer Weile wurde mir auf Social Media eine Werbung angezeigt, in der es um Schmetterlingszucht ging. Da konnte man sich ein Set bestellen, um Kohlweißlinge oder Schwalbenschwänze zu züchten. Ich weiß noch, wie ich neugierig durch die Seite gescrollt und überlegt habe, es auszuprobieren. Aber es passte zu dem Zeitpunkt nicht in meinen Alltag und ich habe die Idee dann wieder verworfen. Vor ein paar Wochen wurde mir wieder eine Werbung angezeigt, aber diesmal mit Distelfaltern. Da ich neben meiner Coachingausbildung etwas Zeit und einen Garten mit vielen insektenfreundlichen Pflanzen habe, habe ich mich dazu entschieden, dass jetzt ein guter Zeitpunkt dafür ist. Der Sommer fängt gerade an und die Blumen werden noch eine ganze Zeitlang blühen.

Kleine Raupen und große Wunder

Nach kurzer Lieferzeit sind die Distelfalterraupen eingetroffen. Der Futterbecher war auf 7 Raupen abgestimmt, aber es wurden ein paar Raupen mehr mitgeliefert. Hier gab es die Empfehlung, die überschüssigen Raupen in dem mitgelieferten Netzhabitat mit Brennnesseln aufzuziehen oder in die Natur zu setzen. Ich habe mich für die erste Variante entschieden, weil ich möglichst viele Schmetterlinge haben wollte, die ich dann freilassen kann. Bei den Raupen im Becher gab es nicht viel zu tun. Hier war am Deckel Küchenpapier angebracht, an dem sich die Raupen verpuppen können, wenn sie so weit sind. Bei den Raupen im anderen Habitat habe ich immer wieder frische Brennnesseln gesammelt und in einem Glas mit kleiner Öffnung bereitgestellt. Hier ist es wichtig noch etwas Watte oder Alufolie um die Stiele in der Öffnung zu legen um diese abzudichten damit die Raupen nicht ins Wasser fallen und ertrinken. Ich konnte die Raupen gut beim Fressen beobachten und bei den Exemplaren im Habitat hat man sogar die leicht knisternden Geräusche gehört, wenn die Brennnesseln angeknabbert wurden. Nach ungefähr einer Woche gab es die ersten Umwandlungen zur Puppe. Das fand ich bizarr und faszinierend: zu sehen wie aus der Raupe, die sich kopfüber „j-förmig“ hängen lässt eine leicht unförmige Puppe wurde. Die Puppen hatten dann auch so goldfarbene Punkte und kurz vor dem Schlüpfen konnte man schon etwas das Muster der Flügel durch die Puppenhülle erkennen.

Zwischen Staunen und Abschieden

Ich hatte das Glück, dass ich dem ersten Schmetterling beim Schlüpfen direkt zugeschaut habe und auch Fotos und Videos vom Prozess machen konnte. Als sich die Puppe anfing zu bewegen und einen Riss bekam, habe ich wie gebannt zugeschaut und mir wurde bewusst, wie magisch und besonders dieser Moment ist. Ich habe tiefe Dankbarkeit gefühlt und war erstaunt, wie schnell der kleine Falter aus der Puppenhülle geschlüpft war.

Anschließend kletterte er an die Wand des Behälters, um seine zunächst noch kleinen und leicht knittrigen Flügel aufzupumpen. Dabei wurde auch eine rötliche Flüssigkeit ausgeschieden. Dann hing er so ca. 2 Stunden und hat seine Flügel trocknen lassen. Es hat zeitlich gut gepasst, dass er gegen Ende der Unterrichtsstunde angefangen hat, Flügelbewegungen zu machen. Als er dabei immer schneller wurde und ich Feierabend hatte, habe ich das als Anlass genommen ihn in die Freiheit zu entlassen. Dabei habe ich ihn auf die Hand genommen, um ihn nach draußen zu bringen. Er ist dann erstmal fleißig über meinen Arm gekrabbelt und hat die Flügel bewegt.

Draußen habe ich meine Hand dann in die Nähe von blühenden Pflanzen gehalten, auf die er aber nicht geklettert ist. Nach kurzer Zeit ist er dann aber weggeflogen und war nicht mehr in Sichtweite. Es war schön, aber auch ein bisschen traurig zugleich. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich mich gefragt habe, ob er dann in der kommenden Nacht einen guten Schlafplatz für sich finden wird. Bei den nächsten Faltern war das Freilassen dann schon einfacher, weil ich den Prozess ja schon einmal mitverfolgt hatte. Ich habe auch zwischendurch nochmal einen Distelfalter im Garten sitzen sehen.

Die Zerbrechlichkeit der Verwandlung

Bei dem Prozess habe ich aber auch die Launen der Natur mitbeobachten dürfen. Nicht alle Raupen schaffen die Metamorphose zum Schmetterling. In der freien Natur werden viele Raupen und auch einige Puppen gefressen. Eine meiner Raupen hat die Entwicklung von der Raupe zur Puppe nicht geschafft und ist im Prozess gestorben. Zwei der geschlüpften Falter haben ihre Zungen nach dem Schlüpfen nicht vollständig zusammengebracht und ihre Flügel nicht richtig entfaltet. Das war traurig mitanzusehen und gleichzeitig habe ich mir vor Augen geführt, dass bei meinen Raupen statistisch mehr zum Schmetterling wurden, als wenn es in freier Natur gewesen wäre. Die beiden Falter, die ihre Flügel nicht richtig ausbreiten konnten, habe ich dennoch auf Blumen gesetzt, weil ich es schade gefunden hätte, wenn sie einfach in einer Box sterben. Trotz dieser Erfahrungen habe ich viel Lust noch mehr Schmetterling großzuziehen und freizulassen. Ich glaube, die Schmetterlinge könnten ein bisschen Unterstützung gebrauchen, denn ich habe das Gefühl, dass es deutlich weniger Schmetterlinge gibt als vor 25 Jahren.

Dem eigenen Rhythmus folgen

Es ist ein Prozess, der zum Staunen einlädt und zeigt, wie faszinierend aber auch wie zerbrechlich solche kleinen Wesen sind. Ich konnte sehen, wie schnell so eine Transformation stattfindet, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Besonders berührt hat mich, wie selbstverständlich dieser Prozess abläuft. Die Raupe zweifelt nicht daran, ob sie bereit für die Verwandlung ist. Sie vergleicht sich nicht mit anderen Raupen. Sie folgt ihrem natürlichen Rhythmus. An diesem Prozess leite ich auch etwas für persönliche Entwicklung ab. Während ich die Raupen beobachtete, musste ich immer wieder an persönliche Veränderungsprozesse denken. Oft wünschen wir uns Entwicklung möglichst schnell. Doch die Raupen konnten nicht beschließen, ihre Metamorphose zu beschleunigen. Sie brauchten Zeit. Und sie brauchten die richtigen Bedingungen. Für Entfaltung und Transformation braucht es passende Bedingungen: die richtigen Zutaten, eine unterstützende Umgebung und genügend Zeit. Der Prozess lädt dazu ein, zu schauen, welche Bedingungen für dich richtig sind und den Dingen Zeit zu geben. Bei Zeit gilt es für Jeden das eigene Tempo und den eigenen Rhythmus zu finden.

Fliegen muss jeder selbst

Im systemischen Coaching gehen wir davon aus, dass jede Person ExpertIn für das eigene Leben ist. Das bedeutet, die Lösungen liegen in uns und warten darauf entdeckt zu werden. So finden wir alle nach und nach selbst raus welche Zutaten für unsere Entwicklung nötig sind und in welchem Tempo wir diese gehen. Vielleicht bedeutet Entwicklung nicht nur, gut für etwas zu sorgen, sondern auch den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, loszulassen. Als ich den letzten Distelfalter freigelassen habe, wurde mir bewusst, dass meine Aufgabe nie darin bestand, ihn fliegen zu lassen. Meine Aufgabe war lediglich, für eine Zeit gute Bedingungen zu schaffen. Fliegen musste er selbst. Vielleicht gilt das auch für viele Veränderungen in unserem Leben.

Hast du schonmal Schmetterlinge gezüchtet oder überlegst du es auszuprobieren?

Hast du dein Tempo schon gefunden und weißt welche Zutaten du für ein gutes Leben brauchst?

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About Johanna

Auf meinem Blogblog Kreative Lebenskraft schreibe ich über den kreativen Weg zurück zu mir selbst sowie über meine Erfahrung mit Karrierewechsel und Neuorientierungen, aber auch über verschiedene Experimente und Themen die mich besonders interessieren wie zum Beispiel ganzheitliche Gesundheit und Lebenskunst, Naturkosmetik, Fotografie und einige mehr.
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